Des Verzeichniseditors Herbsttirade

3. November 2006

dmoz, das von freiwilligen ehrenamtlichen dmoz-Editoren aufgebaute Web-Verzeichnis, arbeitet seit 20. Oktober nur mehr im Notbetrieb. Ein Ausfall des Editor-Servers hat das Verzeichnis praktisch unbearbeitbar gemacht, es können weder Einträge hinzugefügt noch geändert werden.

Nichts Aufregendes, sollte man meinen. Webserver sterben jeden Tag. Aber dmoz ist nicht irgend ein beliebiges Linkverzeichnis, sondern ein echtes Internet-Urgestein, und ein Eintrag dort ist ein Fixpunkt in der Checkliste für Suchmaschinenoptimierung.

Unterstützt wird der dmoz-Betrieb von einer finanzkräftigen Organisation, die selbst einer der grossen Spieler im Web ist: AOL. Was würde man also vermuten, wenn die so Unterstützten ein Problem mit ihrer Infrastruktur haben? Richtig: Man hat einen guten Plan für dieses Szenario, etwas Hardware in Reserve und eine fähige Mannschaft, die das in kurzer Zeit wieder glatt bügelt. Schließlich ist ein Ruf zu verlieren, die Motivation der Freiwilligen zu könnte schwinden, und Vermögen würd’s wohl auch keines kosten.

Aber nein.

Es sind vierzehn Tage vergangen, und der Server ist noch immer nicht ersetzt. Da darf ich wohl vermuten: dmoz ist für AOL kein relevantes Thema.

Zeit, den DMOZ-RX-Rechner anzuwerfen: 475.985,86 ist der Wert für den dmoz-Relevanz-Index™ im November 2006, das ist ein Rückgang von rund 12 Prozent gegenüber meinem ersten Wert im Juni. Wenn’s so linear weitergeht, ist dmoz in vier Jahren weg vom Fenster. Zeal hat vorgezeigt, wie das geht.

Vorschläge, um diesen offensichtlichen Niedergang zu bremsen, gibt es genügend. Aus Sicht eines Editors sind da beispielsweise:

  • Ordentliche Server: Die Geschwindigkeit des Editor-Servers war auch vor dem Ausfall selten atemberaubend.
  • Webfeeds: Bei jedem kleinen Blog kann ich mittels Webfeed auf dem aktuellen Stand bleiben, aber um die Neuanmeldungen in meiner Kategorie zu sehen, muss ich mich jedesmal beim dmoz-Editorserver einloggen. Das ist mühsam und kostet Energie.
  • Renovierung der Editor-Formulare: AJAX ist ja nicht nur ein Buzzword, sondern auch eine brauchbare Technologie für datenintensive Webanwendungen.

Soweit die Wunschliste ans Christkind. Erfüllt wird davon wahrscheinlich nur das werden, was ein gutmütiger Freiwilligentrupp realisiert. Womit wir wieder bei der Frage wären, welche Unterstützung AOL wirklich für die Weiterentwicklung von dmoz bietet?

Kommentare

  1. Es ist wirklich ein Trauerspiel, die Abhängigkeit von AOL ist zum Kotzen wirklich nicht so toll.
    Eine Ausfallzeit von 14 Tagen+ ist auch komplett lächerlich und nicht nachvollziehbar.

    Ich hoffe auch auf das Christkind, oder auf einen Konkurs von AOL.
    Imho muss man sich von der Partnerschaft freimachen, so ist das mit der größte Hemmschuh an der ganzen Organisation.

  2. Stimme mark zu – allein die Tatsache, dass man auf einer technologisch weit rückständigen Software mittels Closed Source quasi wie angenagelt festhält, ist einem Open Source-Projekt nicht wirklich würdig.

    Und wenn man dann noch sieht, mit welcher technischen Wertschätzung man der Sache begegnet (kein Worst Case-Szenarium; keine Backup-Hardware; 2+ Wochen für Hardware-Tausch), dann dokumentiert man irgendwie schon, dass man das alles nicht mehr will :-(

  3. Ahem, es ist eben kein Open Source Projekt. Sonst hieße es noch Gnuhoo und der Quellcode wäre für jedermann zugänglich…

  4. Das ist, denke ich, einer der Punkte, die dmoz so “schwierig” machen:

    • Es ist nicht kommerziell, aber auch nicht open source.
    • Es baut auf Freiwillige, ist aber streng hierarchisch und/oder meritokratisch.
    • Es braucht Geld, will aber keines verdienen.
    • Es hat einen Sponsor, den es nicht schätzt.

    Schizo….

  5. Es ist kein Sponsor. Es ist der Eigentümer.

  6. Siehe http://dmoz.org/World/Deutsch/socialcontract.html

    “Die Firma Netscape Communications Corporation hostet und verwaltet das Open Directory Project (ODP). Sie hat die Entscheidungsgewalt über seinen Inhalt, seine Verwendung und den Betrieb, wie es in den Nutzungsbedingungen beschrieben ist.”

  7. Klaus hat recht – ich meinte eigentlich auch eher so etwas wie Open Content-Projekt bzw. etwas, was den Freiwilligen-Charakter in den Vordergrund stellt.

    BTW: Eine strenge Hierarchie ist IMHO zwingend erforderlich. Irgendwer muss schließlich sagen, wo es lang geht. Wenn man alles demokratisch macht, dann stimmt man zum Schluß vermutlich auch über Unsinn ab ;-)