“Die Chemie des Todes” von Simon Beckett

27. Juli 2006

Mickey Spillane ist neulich gestorben, der geistige Vater von Mike Hammer und damit einer Figur, die ihre Fälle mit einer Wumme Kaliber .45, Weibern und Whiskey löste. Der Prototyp des Macho-Detektivs und die Kopierschablone für einer Reihe von Krimifiguren. Jerry Cotton, sag’ ich nur…

Stereotype Detektivgeschichten gibt’s seit einiger Zeit ja kaum mehr, statt dessen dominiert die Neigung zur Spezialisierung unter den Krimischreibern. Recht populär wurde beispielsweise die Fraktion Italienfolklore mit Guido Brunetti oder Commisario Salvo Montalbano. Und natürlich die Mediziner in allen Schattierungen: Jeffery Deavers Lincoln Rhyme, Patricia Cornwells Kay Scarpetta, Tess Gerritsens Maura Isles.

Auftritt Dr. David Hunter, forensischer Anthropologe und Ich-Erzähler in “Die Chemie des Todes”.

Nach der kaltschnäuzigen Art, mit der Dan Brown kurzerhand die Symbologie als Wissenschaft erfunden hat, nur um seinen Helden Robert Langdon nicht arbeitslos werden zu lassen, glaubt man ja den Herren Schriftstellern vorerst kaum noch was in diese Richtung. Aber: Ja, die forensische Anthropologie gibt’s wirklich.
Sachkundig sind diese Damen und Herren bei Menschen, zu denen der Pathologe nur mehr sagt: “Uih, das schaut ja übel aus!”, also bei Zersetzungszuständen des Körpers nach dem Tod, den dabei ablaufenden chemischen und biologischen Prozessen im Körper und den beteiligten Säuren, Fetten, Fliegen, Maden, Würmern und Käfern. Das FBI unterhält für die Forschungen dazu eine body farm genannte Anstalt in Knoxville, Tennessee.

In Becketts “Die Chemie des Todes” versucht Dr. David Hunter, im selbstgewählten Exil in einem gottverlassenen englischen Bauerndorf den Tod von Frau und Tochter zu überwinden. Seinen bisherigen Arbeitsplatz als anerkannter Rechtsmediziner gibt er auf, zieht aufs Land und widmet sich als “Onkel Doktor” Gicht und Fußpilz. Die Szenerie ist ländlich/sittlich, jeder kennt jeden in der isolierten Dorfgemeinschaft, und Fremde haben’s schwer.

Kinder finden eine Frauenleiche, grauslich zugerichtet, mit eingepfropften Schwanenflügeln in den Schultern und von Maden zerfressen. Damit endet der Ruhestand des Dr. Hunter: Mit widerwilligem Zögern lässt er sich von der örtlichen Polizei als Sachverständiger in die Ermittlungen einbinden und gerät immer tiefer in die Suche nach dem offensichtlich gestörten Serienmörder.

Hunters privates Glück mit der neuen Freundin verstrickt sich mit den Schuldgefühlen, die die geistige Trennung von der verstorbenen Frau und Tochter immer noch verursachen. Keine Angst, die inneren Qualen des Helden eskalieren nicht in diesem lähmenden Ausmaß wie jene in den Romanen rund um das schwedische Schwerblut.

Das Dorf Manham wird in den Tagen der Täterjagd zu einem Druckkochtopf der menschlichen Spannungen, gegenseitigen Verdächtigungen und Denunziationen, selbsternannter Ordnungshüter und Moralapostel. Um so schlimmer, als auch noch eine weitere Frau verschwindet und die Polizei beginnt, David Hunter als Verdächtigen zu verhören…

Im Krimi-Blog gibt’s für Szenerie und Becketts Schreibkünste herbe Watschen:

Ein schlecht konstruierter und geschriebener Roman also, der weder dem Forensik-Thema noch dem Serienkiller-Motiv wirklich etwas Neues abgewinnt.

Meiner Meinung nach ist diese absolute Ablehnung viel zu heftig ausgefallen. Bis zum wirklich vertrackten Ende gelingt Simon Beckett ein blendender Thriller, der teilweise die Haare zu Berge stehen lässt, ohne die Wendungen der Handlung an eben diesen herbeizuziehen. Nach einem leider kurzen (weil intensiven) Lesevergnügen von nicht ganz 24 Stunden freue ich mich auf den nächsten Wurf von Beckett.

Weil: Wo Erfolg, da Romanserie.

(Landschaftsfoto: Wikipedia)