dmoz.org erweitern. Warum nur?

8. August 2005

dmoz.org wirbt mit dem Slogan “Help build the largest human-edited directory of the web” um Freiwillige, die einen Bereich dieses Website-Verzeichnisses ehrenamtlich erweitern und pflegen. Warum machen die das alle, und was ist der Sinn dabei?

“dmoz? Was denn für ein dmoz?”

dmoz.org (auch “Open Directory Project” genannt) ist ein thematisch gegliedertes Verzeichnis von Websites, das im Unterschied zu Suchmaschinen wie Google seinen Inhalt nicht durch automatisches Abgrasen des Webs aufbaut, sondern Einträge enthält, die einzeln von Menschen aus Fleisch und Blut in den Katalog aufgenommen wurden. Jede Kategorie in diesem Verzeichnis hat einen (oder auch mehrere) Editoren, die sich freiwillig und unbezahlt um ihre Kategorie kümmern.

“Aber das ist doch was für Erbsenzähler!”

Ob dmoz jetzt noch Sinn hat, wo Suchmaschinen kaum mit der Fülle von neuer Information fertig werden, ist umstritten. Es gibt Argumente dafür (wie die geringe Anfälligkeit gegenüber Spam) und dagegen (wie die, dass eine Kategorisierung ohne festes Regelwerk nie Sinn hat).

Aber: Für das Marketing von Websites ist dmoz auf jeden Fall relevant, weil Google einen Eintrag in dmoz wichtig nimmt und eingetragene Sites gegenüber nicht gelisteten bevorzugt1. Ein eher unbekannter Teil von Google, das Google-Verzeichnis, ist wie sehr viel andere Internetverzeichnisse2 eine Kopie von dmoz. Das bedeutet, dass eine in dmoz eingetragene Website von sehr vielen Seiten erreichbar ist. Und das verbessert wieder die Reihung einer Website bei Google.

Für eine Website, die auf Besucherfrequenz ausgerichtet ist, ist ein dmoz-Eintrag also eine empfehlenswerte Marketingmaßnahme.

“Bring mich zum Schotter, Baby!” – “Tut leid, Schotter is’ aus.”

Dieser (von mir etwas umformulierte) Filmdialog3 bringt’s auf den Punkt: Wann immer ein Mensch freiwillig und langfristig Arbeit in etwas investiert, muss sie daraus ein Bedürfnis befriedigen. Das kann Geld sein, Macht, Neugier, Sicherheit oder die Anerkennung in ihrer sozialen Gruppe.

Im Unterschied zur ehrenamtlichen Arbeit bei gemeinnützigen Institutionen oder der aktiven Hilfe in einem Supportforum bleibt die Arbeit eines dmoz-Editors meist unbedankt, der Editor selbst ist außerhalb des kleinen Kreises der anderen Editoren anonym.

Was macht den Reiz dieser freiwilligen Leistung aus?

Ein Selbstversuch macht kluch

dmoz benutze ich selbst nicht, wenn ich etwas suche. Wie es ist, ein dmoz-Editor zu sein, wollte ich aber am eigenen Leib erfahren. Also: Bewerbung ausgefüllt, nach wenigen Tagen als Editor akzeptiert und losgelegt: Seit 24. Mai 2005 bin ich dmoz-Editor für die Kategorie meines Heimatbezirkes Vöcklabruck.
In dieser Kategorie gibt’s an die 200 Einträge und so um die zwanzig unbearbeitete Neuanmeldungen. Manche warteten schon zwei, drei Jahre auf eine Aufnahme ins Verzeichnis…

Das Salzkammergut ist eine beliebte Tourismusregion im Bezirk Vöcklabruck, und so ist ein Gutteil der katalogisierten Websites und Neuzugänge aus der Fremdenverkehrsbranche. Schnell merke ich, dass es nur endlich viele Möglichkeiten gibt, die übliche Website einer Fremdenpension zu beschreiben: Zimmerpreise, Zimmerausstattung, Routenplaner, eventuell noch die Speisekarte. Öd, einfach öd. Dann und wann mal ein Dolmetschbüro oder eine Feuerwehrjugend, aber dann wieder: Dreisternhotel, Privatzimmer, Urlaub am Bauernhof.

So wird das nichts, das macht keinen Spaß. Aktivitäten sind nötig.

Verschobene Interessen

Ich beginne also damit, mir Adressen von Websites aus der lokalen Zeitung oder von den Planen vorbeifahrender LKWs zu merken und damit was anderes als nur Tourismus in meine Kategorie einzubringen, nur um mal zu sehen, ob es weniger öd ist, wenn der richtige Branchenmix gefunden ist.

Aber im Endeffekt bleibt’s dabei: Beinah jede Webbroschüre eines Unternehmens stellt Produkte, Mitarbeiter und Kontaktmöglichkeiten vor, und interaktivere Websites gibt’s offenbar in diesem lokal eingeschränkten Bereich nicht. Nein, Websites mit neuen Ideen oder Outfits wie Google Spreadsheets, iRows oder Basecamp wohnen anderswo…

War’s das mit dem Engagement für die Netz-Gemeinschaft?

Möglicherweise. Was an dmoz noch reizt, ist das Verantwortungsbewusstsein für die einmal angenommen Aufgabe. Aber ob das Ziel diese Ethik rechtfertigt, ist noch nicht so sicher. Ich denke, dass man für die Arbeit als dmoz-Editor wohl auch eine dazupassende Persönlichkeitstruktur braucht, die gerne ordnet, schlichtet und beschriftet. Dann wird man auch Freude daran haben4.

Die dmoz-Ökosphäre

Es scheint, dass dmoz in einer Sinnkrise steckt, die zwar von all den gutmeinenden Editoren speziell im deutschsprachigen Teil noch nicht gefühlt wird5. Für die, und das ist sicher noch die Mehrheit, geht’s wie eh und je um die gute Sache und eine ordentliche Arbeit.

Aber das Klima in exponierteren Bereichen des dmoz-Universums hat einen rauen Unterton, in resource-zone als dem Sammelbecken aller internationalen dmoz-Editoren gibt’s jedenfalls viel Böses, Hick-Hack und Beamtentum zu bestaunen. Dazu passt der Blog eines korrupten dmoz-Editors. Wenigstens ist die Motivationsfrage hier exzellent geklärt. Mich sollte mal einer fragen…

Fußnoten

1 Eine Meinung dazu hat Axandra im Artikel “Is the Open Directory Project (DMOZ.org) still as important as it was?”

2 Google Directory, OpenYoo, AnsMe und viele andere dmoz-Kopien mehr…

3 Den voller Dialogtext kann man bei Jerry Maguire wieder hören. Immer mal ein Genuss…

4 “Get a Life!”, hör’ ich da wen sagen.

5 Mehr darüber kann man im Blog einiger deutschsprachiger dmoz-Editoren lesen.

Kommentare

  1. Das DMOZ mag ja seine Schwächen haben, was Bearbeitungsdauer und Bekanntheitsgrad haben. Man kann auch sagen, das unterschiedliche Editoren unterschiedliche Aufnahmemaßstäbe an den Tag legen. Trotzdem ist das DMOZ das mir einzig bekannte Verzeichnis mit qualitativ hochwertigen Seiten. Gerade wenn bei Google und Co nur schwache Ergebnisse an den Tag kommen, komme ich mit dem DMOZ / Google Directory schon weiter. Vielleicht würden mehr Leute Editoren werden, wenn man das ODP in WikiDP umbenennen würde, da mangelt es nicht an öffentlichem Interesse.