Was bringt ein Corporate Blog?

25. Mai 2006

WordPress am Arbeitsplatz

Blogs, also chronologisch geordnete tagebuch-artige Websites, wabern aus den Kinderzimmern, Nerd-Laboren und Studentenbuden schön langsam in den Aufmerksamkeitshorizont der Werbeagenturen, Marketing-Beauftragten und Kommunikationsprofis. Gelinde Entscheidungspanik vermittelt den Zwang, so ein Instrument müsse auch auf der altgedienten Firmenwebsite Platz finden, und das so schnell wie möglich. “Den Trend nutzen, solange er noch frisch und unverbraucht ist”, lautet die Devise.

Bei akutem Herdendrang hilft Hausverstand.

Versprechungen über Corporate Blogs, und was dahinter steckt

Wie jede neue Sau, die von den Trendfolgern durchs Dorf getrieben wird, ist auch das Phänomen “Blogs” mit einer Fülle an Pseudoargumenten umkränzt, mit denen die vorgebliche Überlegenheit dieser Technik für die Unkundigen nachgewiesen wird. Dabei wird wissentlich oder unbewusst unter den Tisch gekehrt, welche “ewigen” Wahrheiten das Web seit vielen Jahren treiben, und ignoriert, dass eben gerade Blogs hier einfach grundlegende Strukturen der menschlichen Kommunikation und des Webs vorteilhaft nutzen.

Im Detail:

Bessere Auffindbarkeit in Google

Blogs sind im Allgemeinen:

  • aktuell
  • reich an website-internen Links
  • in ein soziales “Gewebe” von Lesern und Kommentatoren eingebunden und damit Ziel von Verweisen auf anderen Websites.
  • “große” Sites mit vielen einzelnen Inhaltselementen.
  • thematisch fokussiert und daher dicht gespickt mit Schlüsselwörtern zum Thema.

Damit erfüllen Blogs viele Voraussetzungen, um von Google in der Reihung nach vorn gerückt zu werden.

Erhöhung der Bekanntheit und Reputation

Der Tonfall von Blogs ist persönlich, ehrlich und direkt und damit das diametrale Gegenteil der sprachlichen Atmosphäre, die so oft auf Firmenwebsites zu finden ist. Es überwiegt der “Ich”-Erzähler mit einem persönlichen Standpunkt und nicht eine stromlinienförmige, anonymisierte Sprache aus der Marketingabteilung mit nachgeschaltetem Filter des Firmenanwalts.

Menschen vertrauen Menschen eher als anonymen Organisationen, vor allem dann, wenn die Gelegenheit besteht, jemanden über wiederholte Äußerungen besser kennen zu lernen und die Konstanz der dargestellten Haltung überprüfbar wird. Damit steigt die Vertrauenswürdigkeit.

Gewinnung von Feedback

Blogs provozieren Feedback, weil die Kommentarfunktion zu Artikeln es sehr einfach macht, zu einem ganz konkreten Punkt (eben dem Thema des kommentierbaren Blogeintrags) schnell eine Meinung zu äußern.

Was lernen wir aus dem Erfolg von Blogs?

Alles das zusammen betrachtet erklärt den Erfolg von Blogs damit als ein soziales Phänomen und macht deutlich, dass die Reduktion der Argumente “pro Blog” auf eine technische Ebene zu kurz gedacht ist. Menschen sitzen gerne ums Lagerfeuer und plaudern über den Tag, schwätzen und wollen gehört werden. Blogs sind die Umsetzung dieser sozialen Wärmequellen in die Technik des Webs.

Wer sich also fragt: “Brauche ich ein Weblog für meine Firma?” und damit eine zusätzliche technische Vorrichtung auf oder neben der Firmen-Website meint, der stellt noch nicht die richtige Frage.

Denn im Kern geht’s doch darum:

  • Will ich mich öffnen, authentisch werden, Dialog akzeptieren?
  • Will ich den permanenten Aufwand dafür nachhaltig in Kauf nehmen?
  • Habe ich überhaupt so viel zu sagen, um damit jede Woche einen Beitrag zu füllen?

In welcher Größenordnung der erwartbare Aufwand liegen kann, zeigt das Zitat des Saftbloggers und Geschäftsführers der Kelterei Walther in diesem Kommentar bei Exciting E-Commerce

Meine Geschäftspartnerin Kirstin drückt es noch pragmatischer aus: “Wenn zwei Geschäftsführer täglich zwei bis drei Stunden für das Bloggen aufbringen, dann muss da was rauskommen!” Genau: denn nur aus purer Lust an dieser Art der Kommunikation betreiben wir den Aufwand nicht.

Wenn diese Voraussetzungen nicht eindeutig zutreffen, ist es sicher gescheiter, diesen Trend erst noch abwartend zu beobachten, aber trotzdem aus dem Erfolg der Blogs zu lernen und einige grundlegende Faktoren auf die bestehende “klassische” Website anzuwenden:

  • Kommentare auf anderen Blogs sind ja auch mit Verweis auf eine herkömmliche Website möglich, erlaubt und sinnvoll und erhöhen den Verlinkungsgrad genauso gut. Das ist ein Element jeder soliden Suchmaschinenoptimierung, aber natürlich mit kontinuierlicher Arbeit und Beobachtung der relevanten Websites verbunden. Wer schon Webfeeds zur Informationssammlung nutzt, ist klar im Vorteil.
  • Selbst ein einfaches, günstiges CMS wie Textpattern reduziert die Hürden vor der Erstellung von neuen Inhalten oder zeitgerechter Aktualisierung enorm. Eine statische Website, die nur von HTML-kundigen Experten verändert werden kann, ist ein wahrer Klotz am Bein.
  • Mehr Gewicht auf eine natürliche Sprache und weniger Versteckspiel hinter den nichts sagenden Buzzwords (“Synergie”, “bahnbrechend”, “Effizienz”, “prozessoptimiert” und so weiter, jeder kennt die Waschmittelwerbung) senkt die Schwelle zwischen Anbieter und Interessent. Hochtrabende und hohle Sprache ist kein Zeichen von Sachkompetenz, auch wenn es sich so anhört, sondern bloß ein Mittel zu Erzeugung von Distanz.

In der richtigen Sprache liegt meines Erachtens die größte Herausforderung, da die Vorbildwirkung gerade großer Firmen auch den Tonfall vieler Klein- und Mittelunternehmer bestimmt. Aus der Unsicherheit über die eigene Stimmlage wird imitiert, was scheinbar erfolgreich ist. Dabei wird aber vergessen, dass selbst die Aussage “Wir bieten Ihnen [dies oder das]…” schon nicht stimmt, weil’s bei einem EPU selbst zur Mehrzahl des “WIR” noch ein Stückerl fehlt.

Überzeugt bin ich davon, dass der Hausverstand auch im Webmarketing viel mehr ausrichtet als jede noch so gehypete Technik. Man darf halt nie aufhören, zu lernen und spontane Ideen laufen zu lassen.

Kommentare

  1. Wunderbarer Artikel, Robert. Auf den Punkt gebracht.
    Gerade die Buzzworte, die so gerne vor Jahren noch in Hülle und Fülle die Firmenwebsites bevölkerten, haben nach meiner Beobachtung mit dem Blogtrend etwas abgenommen.
    Hochtrabende und hohle Sprache ist kein Zeichen von Sachkompetenz Richtig. Ein mittleres Infoniveau ist viel interessanter als hohle Phrasen. Das hat man wahrscheinlich inzwischen bemerkt.

  2. Tünde Gastgeb

    19. Juni 2006, 19:11

    Lieber Robert!

    Ich folge Deinem Rat und kommentiere Deinen Blog als sehr gelungen. Den Rest schreibe ich Dir persönlich ;-)

    Viele Liebe Grüsse
    Tünde